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Die unerkannte Rolle der Schweiz bei der Überfischung unserer Ozeane

Sonntag, 26 Mär, 2023

Unsere Ozeane sind bedroht, das ist weithin bekannt. Neben dem Klimawandel ist es vor allem die Überfischung, insbesondere die illegale Fischerei, die jeden Tag zur Zerstörung von Ökosystemen und dem Verlust zahlloser Lebewesen beiträgt. Kaum diskutiert hingegen wird die Rolle der Schweiz in diesem Gefüge. Viele Menschen gehen implizit davon aus, dass sich ein so wohlhabendes und hochentwickeltes Binnenland im Herzen Europas an solchen Aktivitäten nicht beteiligt – und dass sie als Einwohnerinnen und Einwohner keinen Einfluss darauf haben, ob diese schwerwiegenden Problematiken gelöst werden oder nicht.

 

Unsere Recherche legt den unerkannten, dramatischen Zusammenhang zwischen unserem Verhalten in der Schweiz und dem fortschreitenden Verlust des Lebens in den Meeren offen.

30 % der globalen Fischbestände sind überfischt. Weitere 60 % werden bereits am biologischen Limit befischt1. Grund dafür ist, dass Fischereiministerien vor einer wachsenden globalen Nachfrage nach Fisch zu hohe Fangquoten vergeben – und dabei wissenschaftliche Empfehlungen ignorieren. Das ist nicht nur in fernen und armen Ländern der Fall. Das Mittelmeer ist eines der am stärksten überfischten Gewässer der Welt2, und auch die Nord- und Ostsee leiden unter zu hohen Fangquoten und ihren Folgen: schrumpfende Fischpopulationen, die Verbreitung fremder, invasiver Arten und erschreckende Beifangstatistiken3. So werden beispielsweise für einen Kilogramm Shrimps bis zu 100 Kilogramm andere Tiere getötet. In der Europäischen Union besteht zwar ein Beifangverbot – in der Praxis führt das aber meist nur dazu, dass die ungewünschten Tiere, fast immer tot, über Bord geworfen werden3.

Eine schlechte Bilanz – für das Klima und für die Wirtschaft

Die industrielle Fischerei hat noch eine weitere dunkle Seite, und das ist ihre Klimabilanz. Die Grundschleppnetzfischerei allein ist jährlich für 1000 Millionen Tonnen CO2-Ausstoss verantwortlich – das sind höhere Emissionen als die der globalen Luftfahrt4. Diese unvorstellbare Menge entsteht dadurch, dass dieser Fischereizweig Schleppnetze mit Haken über den Ozeanboden zieht. Bei diesem Prozess wird der Boden aufgebrochen, was nicht nur Riffe und Kleinstrukturen zerstört, sondern auch den über viele tausend Jahre in den Sedimenten abgespeicherten Kohlenstoff wieder in die Atmosphäre befördert.

Diese Fakten zeichnen eine erschreckende ökologische Bilanz der industriellen Fischerei. Doch auch aus ökonomischer Perspektive zeigen sich gravierende Ineffizienzen: Gemäss dem Schweizer Rundfunk5 wären über 50 % der globalen Fischereiaktivitäten ohne staatliche Subventionen unrentabel. So erwirtschaftet die industrielle Fischerei weltweit rund 90 Milliarden US-Dollar Umsatz pro Jahr, ist dafür aber auf Subventionszahlungen in Höhe von 35 Milliarden US-Dollar angewiesen.

Sklaverei und menschliche Ausbeutung

Auf zahlreichen Kampagnen schickt Sea Shepherd ihre Schiffe in die entlegensten Meeresgebiete und durchquert auch viele Fischgründe. Dabei haben wir eine schockierende Entdeckung gemacht:

Experten schätzen, dass zwischen 15 und 30 % des weltweit gefangenen Fisches illegal gefangen wird. Bei der illegalen, unregulierten und undokumentierten Fischerei (IUU Fishing) werden nicht nur jegliche Quoten und Vorschriften zu Fanggebieten, Spezies und Methodik ignoriert – auf unseren Kampagnen entdecken wir auch immer wieder Schiffe mit Sklavenarbeitern. Diese Menschen sind meist asiatischer Herkunft und werden mit falschen Versprechen an Bord gelockt oder in vielen Fällen effektiv entführt. Sie werden über Jahre oder sogar Jahrzehnte unter miserablen Bedingungen an Bord gehalten, erhalten keinen Lohn und keinen Versicherungsschutz für die harte und gefährliche Arbeit und haben keine Möglichkeit, das Schiff zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Das United Nations Office on Drugs and Crime schätzt, dass weltweit Tausende von Menschen auf illegalen Fangflotten ausgebeutet werden6.

Die Schweiz – Teil des Problems

Hier kommt die Schweiz ins Spiel. Denn es sind genau die so gewonnenen Fische und Meeresfrüchte, welche in unseren Supermärkten und in unseren Restaurants angeboten werden. Über 90 % des in der Schweiz konsumierten Fisches wird importiert. Und der durchschnittliche Schweizer bzw. die durchschnittliche Schweizerin verzehrt mit knapp 9 kg pro Jahr fast 50 % mehr Fisch als der globale Durchschnitt (6 kg)7,8.

Im Supermarkt finden sich auf den Fischprodukten und Meeresfrüchten diverse Labels und Nachhaltigkeitsversprechen. Sieht man hier aber genauer hin, zeigen sich grosse Probleme. Bei der Vergabe von Labels werden einige wichtige Kriterien nicht berücksichtigt – z. B. wie viel Beifang bei einem Fang entsteht. Auch befinden sich unter den als «nachhaltig» zertifizierten Produkten zahllose Fische, die mit Grundschleppnetzen gefangen wurden – trotz der desaströsen Folgen für das Klima und das Ökosystem. Zudem bestehen bei diversen Produkten Zweifel bezüglich ihrer realen Herkunft. Das liegt unter anderem daran, dass anstelle effektiver Kontrollen meist nur mit Plausibilitätsannahmen gearbeitet wird – das macht es einfach, den illegal gefangenen Fisch falsch deklariert auf den Schweizer Markt zu bringen. Zuchtfisch ist in den meisten Fällen leider keine Alternative – denn die meisten Anlagen füttern ihre Fische mit Fischmehl aus Wildfang.

Über 2 Milliarden Menschen weltweit sind auf Fisch als Teil ihrer Ernährung angewiesen. Die Schweizer Gesellschaft gehört hier sicher nicht dazu. Stattdessen wird der Trend unterstützt von den Werbeversprechen der Industrie, die Fisch als eine nachhaltige und gesunde Alternative zu Fleisch anpreisen. Diese Aussagen ignorieren die drastischen ökologischen und sozialen Probleme der Industrie. Aber auch die Gesundheitsversprechen sind oftmals irreführend. Aufgrund des hohen Verschmutzungsgrads unserer Meere sind Fische sehr häufig mit Chemikalien und Schwermetallen belastet, z. B. Arsen, Cadmium, Blei oder Quecksilber. Einige dieser Stoffe reichern sich im Körper und auch im Gehirn an, was eine regelmässige Zufuhr umso problematischer macht. Andere sind nachweislich krebserregend9.

Hai-Leberöl in Kosmetikprodukten

Das Fazit lautet: Fischstäbchen, Thunfisch, Lachs und Sushi zu konsumieren ist meistens sehr schädlich – für die Tiere, für die Umwelt, für die Arbeiter und für die eigene Gesundheit. Doch die Verkettung hört hier nicht auf. Insbesondere in der Kosmetik- und in der Pharmaindustrie werden immer noch Produkte wie Hai-Leberöl (Squalan/Squalen) eingesetzt, die aus meist illegalen Fangoperationen stammen. Haie stehen an der Spitze der Nahrungskette im Meer und sind sehr wichtig für die Gesundheit des Ökosystems. Ihre Bestände sind aufgrund der starken (meist illegalen) Bejagung bereits um rund 90 % eingebrochen. Dennoch finden sich auch in Schweizer Läden viele Produkte mit Inhaltsstoffen aus Hai-Leberöl10. Dies wird nicht deklariert und ist für Konsumenten schwer erkennbar. Daher sollte beim Kauf von Kosmetik- und Pharmaprodukten unbedingt darauf geachtet werden, dass es sich beim Squalan um pflanzliches Squalan handelt.

Was ist zu tun?

Es wäre falsch zu denken, dass der Einzelne bzw. die Einzelne nichts tun kann, um diese Zustände zu verändern. Das Gegenteil ist der Fall: Die Nachfrage treibt das Angebot. Was wir alle tun können:

- Auf Fisch- und Meeresfrüchte verzichten

- In der Kosmetik und Pharmazie auf vegane Produkte setzen

- Freunde, Familie, Mitarbeitende und Bekannte aufklären

- Sea Shepherd unterstützen

Seit 2016 sind die Schiffe von Sea Shepherd in den Küstengewässern von West- und Ostafrika im Einsatz – biologische Schlüsselgebiete mit einer hohen Artenvielfalt, die von grossen Trawlern aus China, Südkorea, Spanien und weiteren Nationen praktisch leergefischt werden. Den Regierungen vor Ort fehlen die Mittel, um diese – meist illegalen – Aktivitäten zu beenden. In einer noch nie da gewesenen Kooperation mit den Regierungen dieser Küstenstaaten patrouilliert Sea Shepherd die Gewässer und führt zusammen mit den Küstenwachen Kontrollen durch. Zwischen 2016 und 2022 konnten bereits über 80 illegal fischende Trawler – einige davon mit Sklavenarbeitern an Bord – festgenommen und Millionen von Meerestieren gerettet werden. Die harte Arbeit zahlt sich aus: Die ersten Fischpopulationen beginnen bereits damit, sich zu erholen.

Erfahre hier mehr über unsere Kampagnen gegen die illegale Fischerei.

Quellen:

1. FAO (2020). The State of World Fisheries and Aquaculture. Sustainability in action.
2. Die Welt. Das Mittelmeer vor dem “point of no return". Artikel vom 09.04.2017.
3. TAZ. Überfischung in Nord- und Ostsee: Weggeworfen wie Müll. Artikel vom 06.10.2018.
4. Sala E., et al. (2021). Protecting the global ocean for biodiversity, food and climate. Nature, 592(7854).
5. SRF (2021). Bis zum letzten Fisch? Sendung vom 1. Juli 2021.
6. De Coning, E. (2011). Transnational Organized Crime in the Fishing Industry. United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC).
7. Studer B. (2010; aktualisiert 2016). Die Schweiz isst zu viel Fisch. Blog-Beitrag fair-fish.ch
8. Statista (2022). Pro-Kopf-Konsum von Fisch in der Schweiz bis 2021. Statistik. statista.com
9. Zentrum der Gesundheit. Fisch: Ist er wirklich so gesund? Artikel vom 24. Februar 2023.
10. MeinBezirk.at. Haie sterben für Schönheitsprodukte. Artikel vom 15. Februar 2022.

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