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25. Februar 2011

Kommentar von Kapitän Paul Watson

Kapitän Paul Watson und seine Mannschaft senden eine Nachricht an Norwegen.

Wir verlassen das Rossmeer nun und treten unseren Rückweg über 2400 Seemeilen nach Hobart in Tasmanien an. Es ist kein froher Aufbruch. Drei Männer, Forscher von der norwegischen Yacht Berserk, haben mit größter Wahrscheinlichkeit ihr Grab im McMurdo Sund gefunden, unter einem eiskalten dunklen Leichentuch aus tiefschwarzem Wasser, aufgeschäumt von sich neu formendem Meereseis, das in Windeseile zu häßlich braunem Schlick erstarrt, der die Bildung neuen Packeises einleitet, während die Antarktis erneut ihren eisigen Zugriff nach einem weichenden Sommer vollführt.

Wie Korken auf dem Wasser tanzend mögen Stücke von altem Eis, als Growler bekannt, das Schicksal der Berserk verborgen halten. Von der Größe eines Koffers bis zu der eines Hauses tanzen diese gefährlich unheilverkündenden Stücke kobaltblauer, schwarzer und kristallklarer Eisbrocken drohend wie todbringende Minen dicht unter der Oberfläche. Ein kleines Boot, das von schwerem Seegang auf eins dieser treibenden Monster geschleudert wird, kann so schnell und gründlich Leck schlagen, dass das Schiff innerhalb von Sekunden sinkt. Es bleibt nicht die Zeit auch nur herauszukommen und an Deck zu gelangen, schon gar nicht, wenn das Deck erbarmungslos von scharfen Eisplatten aus dem Meer gepeitscht wird, in der dämonischen Gewalt eines der schrecklichen südlichen Stürme.

Ein Growler kann eine Stahlwand zersplittern als wäre sie aus Glas, rasend schnell Tonnen eiskalten Wassers in das Boot einströmen lassen, während die See das Schiff in die salzige Finsternis der Tiefe reißt, noch bevor die Seeleute eine Chance hatten, ihr unglückliches Schicksal zu erfassen. Während der eisige Griff der See das kleine Boot verschlingt, werden mittels eines Druckschalters die Seenotfunkboje und ein Rettungsboot freigesetzt und steigen an die Oberfläche. Es war dieses Notsignal, das die Welt darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die norwegische 14-Meter-Yacht Berserk mit ihrer 3-köpfigen Besatzung von der Oberfläche verschwunden war.  

Die See kann ein sehr gnadenloser Ort sein, und ganz besonders das Südpolarmeer und das Rossmeer können extrem grausam für Seeleute werden.

Als ich erstmalig die Nachricht erhielt, dass ein Seenotrufsignal von der unter norwegischer Flagge laufenden Berserk im McMurdo Sund aufgefangen worden war, warf ich einen Blick aus dem Steuerhausfenster meines Schiffes Steve Irwin und dachte, wenn die See und das Wetter irgendwie ähnlich wären, wie das, war wir gerade durchmachten, könnte ich mir nicht vorstellen in welch entsetzlicher Lage sich die Seeleute auf diesem winzigen Boot befanden.

The Steve Irwin and Nancy Burnet helicopter amidst the Ross Ice Shelf. Photo: Barbara VeigaDie Steve Irwin und der Helikopter Nancy Burnett inmitten des Ross-Schelfeises. Foto: Barbara VeigaWie sich herausstellte, war die Lage 200 Meilen westlich von uns, wo die Berserk zu dem Zeitpunkt war, als das Notsignal abgesetzt wurde, noch schlimmer, sehr viel schlimmer. Die Winde heulten die Gletscher und das Antarktisplateau hinab, peitschten um den Mount Terror und pfiffen die eisbedeckten schwarzen Lavahänge des Mount Erebus entlang, und sie strömten mit 155 km/Stunde in die Meerenge ein. Durch den kalten Wind war die Temperatur auf minus 50 Grad Celsius gefallen. Es gab keinen Zweifel, dass die Jungs in Schwierigkeiten waren und es auch wußten. Aber alles, was sie hätten tun können, war, es auszusitzen. Es gab keinen sicheren Hafen, keinen Zufluchtsort und keine stille und ruhige Ecke der Meerenge, die ihnen hätte Hoffnung geben können. Nur Mount Erebus im Osten, der sich erhebt wie sein finster brütender Namensgeber und eine Reise in die Unterwelt androht unter dem Zeichen, das kündet „Beim Eintritt hier laßt alle Hoffnung fahren“.*

Als Seeleute taten wir das Einzige, was wir tun konnten. Wir antworteten. Das neuseeländische Marineschiff Wellington war näher, aber es hatte einen Eisschaden erlitten und tuckerte nordwärts nach Neuseeland zurück, nachdem sie drei ihrer Rettungsflöße von ihrem Deck in die brausende See gezogen hatten.

Der britische Antarktisforscher Apsley Cherry-Gerard hat in seinem Buch The Worst Journey in the World, diese Gegend genau beschrieben, als er von seinen Erfahrungen aus Kapitän Robert Falcon Scotts Basiscamp auf der Ross-Insel 1911 sprach. Hundert Jahre später hat sich nicht viel verändert. Die reinweißen kargen Hügel sind so beeindruckend schön wie tödlich, und sie künden sehr deutlich davon, dass dies ein gefährlicher Ort voller Extreme ist, wo Menschen sich auf erhebliches eigenes Risiko hinwagen.

Zwei Tage zuvor stand ich auf der Roosevelt-Insel, etwa 20 Meilen von der See einwärts von der Bay of Whales am anderen Ende des unbeschreiblich fantastischen Ross-Schelfeises. Es war wie die fremdartige Oberfläche des Pluto von einer gespenstischen Weiße, die nicht zu beschreiben ist. Der Wind brauste mit voller Wucht über das nackte Plateau, riß mir meinen Hut vom Kopf und wirbelte ihn über die polierte Weite der Oberfläche, schneller als dass ich ihn hätte wiederholen können. Ich wickelte mir eine norwegische Flagge um den Kopf, um zu verhindern, dass meine Ohren abfroren.

Ich hatte die norwegische Flagge in der Hand, weil wir dort waren, um die Landung von Roald Amundsen vor genau hundert Jahren zu würdigen, als er das Basiscamp für sein erfolgreiches Rennen darum erstellte, als Erster am Südpol zu sein. Wir waren dort, weil ich es für einen ausgezeichneten Ort hielt, um bekanntzugeben, dass nun, nachdem wir die japanischen Walfänger aus dem Südpolarmeer vertrieben haben, es Zeit ist gegen die ungesetzlichen Waljäger Norwegens im Nordatlantik vorzugehen. Und daher stellte sich die Crew mit einem Protestbanner und einer norwegischen Flagge auf, um ehrerbietig Amundsens Leistung zu würdigen und an Norwegen zu appellieren, diese Leistung anzuerkennen, indem es das Abschlachten der Wale aufgibt.

Offen gesagt, waren wir nicht so optimistisch oder naiv, zu erwarten, dass unsere Forderung anerkannt werden würde, daher dachte ich, welcher Platz wäre besser als die Bucht der Wale bei Amundsens Basiscamp, um anzukündigen, dass die Sea Shepherd Conservation Society nach Norwegen zurückkehrt und erneut den Walfang bekämpft. Der norwegische Walfang ist noch unverhohlener illegal als der japanische Walfang. Die Norweger haben nicht beschlossen, die Intelligenz der Welt zu beleidigen indem sie vortäuschen, sie töteten Wale für die Wissenschaft. In Norwegen geht es hauptsächlich um’s Geld und daher handelt es sich um eine Verletzung des weltweiten Moratoriums zum kommerziellen Walfang.



Wir waren gerade dabei, die Photos und die Geschichte der Ankündigung in der Bucht der Wale an die Presse zu geben, als ich den Anruf des neuseeländischen Such- und Rettungsdienstes erhielt, dass ein Notsignal des norwegischen Schiffes Berserk aufgefangen worden war. Für uns Seeleute hatte die Bitte, bei der Suche nach der Berserk zu helfen, erste Priorität.

Wir richteten unseren Bug nach Westen und in die furchterregendsten Anstürme von Wind, Eis, Gischt und stürmischem Wellengang hinein. Erebus**, bedrohlich über der Ross-Insel aufragend, machte es nicht einfach, uns den Toren der Hölle anzunähern, zu denen der Mc Murdo Sund geworden war.

16 Stunden lang nahmen wir es mit der wütenden See auf, bis die See plötzlich den Kampf aufgab und eine sanfte Stille sich über den Horizont ausbreitete, während die Wellen abflachten, die Sonne mit sanfter Wärme herunterschien und die Sicht sich optimal verbesserte. Wir starteten den Helikopter und begannen ein akribisches Suchmuster über den ganzen Sund, ohne dass wir irgend etwas fanden, bis zum Morgen des 25. Februar, als wir auf das 8-Personen-Avon-Rettungsboot von der Berserk stießen, das 45 Meilen nördlich von dort trieb, wo das Notsignal erstmalig erschien.

Und das war es – außer dem Rettungsfloß und später etwas Verpflegung und Erste-Hilfe-Päckchen vom Rettungsfloß, keine Spur von der Yacht oder ihrer Crew, kein Öl auf der Oberfläche, keine Kleidung oder andere Überreste im Meer.

Die Tragödie erinnerte uns daran, wie zerbrechlich unser Leben ist und wie schnell die Natur uns unseren kostbarsten Besitz entreißen kann.

Sie gemahnte mich außerdem, dass auch wenn wir in der Bucht der Wale gelandet waren um die Botschaft an Norwegen zu senden, dass es die Waljagd beende, die Tatsache blieb, dass die norwegischen Männer auf der Berserk auch dann noch unsere Mitmenschen waren. Wir begannen unsere Suche in der Hoffnung, dass wir sie finden könnten und beendeten die Suche mit der Traurigkeit darüber, dass es nicht gelang.

Amundsen entging der Tragödie, die einige der tapferen Männer der britischen Antarktisexpedition 1911 das Leben kostete. Hundert Jahre später fordert die Antarktis erneut ihren tödlichen Tribut des Opfers von dem menschlichen Geist, der sie weiter herausfordert.  

Wir alle auf der Steve Irwin, Freiwillige aus Nationen der ganzen Welt, teilen den Verlust dieser Männer mit ihren Familien und denen, die ihnen nahe stehen. Wir kannten sie nicht, aber auf der Suche nach ihnen erlebten wir Sorge, Mitgefühl, Hoffnung und Zerknirschung. Außerdem empfanden wir eine Verbundenheit weil für das, wofür sie gegangen sind, jeder von uns folgen könnte und weil die Natur in all ihrer großartigen Schönheit und ihrem dämonischen Zorn keinem den Vorzug gibt. Und daher empfanden wir ihren Verlust als hätten wir einen Blick erheischt auf die Zerbrechlichkeit, die all uns Menschen auferlegt ist.

Ihren Familien können wir nur sagen, wir haben alles versucht. Wir haben das gesamte Suchareal dreimal zu Wasser und aus der Luft durchgekämmt und wir haben nach ihnen gesucht als wären es unsere eigenen Brüder, weil sie es in Wahrheit sind! Brüder, vereint unter verschiedenen Zielsetzungen, die aber die einzigartige, fantastische Leidenschaft für Abenteuer und Wissen teilen, die seit einem Jahrhundert Männer und Frauen wie uns in diese entlegenen, eisigen und verlassenen Gestade führt.

* Dante Alighieri, „Divina Commedia“ (Anm. d. Ü.)

** gr. Gott der Finsternis (Anm. d. Ü.)






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